Samstag, 11. Februar 2017

CONNY - Die Legende

CONNY. Mehr als nur ein Auto. Eine Legende. Eine treue Begleiterin, die trotz anfänglicher Komplikationen zum Teil unseres Lebens wurde. Zum Zuhause.

CONNY. Unsere eigenen vier (Auto-) Wände, die uns für vier Monate unseres Lebens durch einen gesamten Kontinent begleitet haben. 14058 Kilometer, 6 australische Staaten und 119 unvergessliche Abenteuer, die wir an jedem unserer Tage auf dem roten Kontinent erleben durften. Neue Orte - jeden Tag. Sonnenaufgänge durch unser kleines Rückfenster, die uns jeden Morgen, eingehüllt in unsere Decke, aus unserem Schlaf erweckten. Und dann Highways, endlose Highways, die den Himmel in der Ferne zu küssen schienen. Schlafen am Wegrand, Angst vor Polizisten, Nudeln und Duschen an öffentlichen Plätzen. Abenteuer, von denen es so viele gab, dass sie vermutlich ein gesamtes Leben füllen könnten. Unsere Zeit im Auto war spartanisch, rastlos und schlicht und einfach wunderschön.

Nach einer Reise, die wie eine Ewigkeit erschien und doch so schlagartig und schnell ein Ende fand, war es am heutigen Tag an der Zeit, um uns von unserer geliebten Conny zu verabschieden.

Doch zuerst berichten wir, wie es überhaupt zu diesem traurigfrohen Moment kommen sollte.

Während wir wie gewohnt die Queenslander Highways entlang fuhren und im Rauschen des Radios in die üppig grünen Regenwälder starrten, erhielten wir eine Nachricht. Ein Mann namens Barry Blackwood war interessiert, unseren seit beinahe einem Monat im Netz stehenden Van zu erwerben. Da der vorerst letzte Stopp unserer Reise, Cairns, nur noch schlappe 300 Kilometer von uns entfernt lag und es außer einigen Wasserfällen, versunkenen Schlössern und Regenwäldern nichts mehr auf der Strecke zu besichtigen gab, steuerten wir kurzer Hand ins tropische Cairns. Da wir von anderen Backpackern bereits gehört hatten, dass die Chancen, in Cairns erfolgreich ein Auto zu verkaufen aufgrund des überlaufenden Angebots an Campervans nahezu unmöglich schien, konnten wir unser Glück über die Anfrage Barrys kaum fassen. Voller Aufregung und Spekulationen saßen wir heiter in unserem Van und malten uns aus, wer Barry wohl sein könnte. Ein junger Backpacker? Ein Autohändler? Doch während wir so unbekümmert Vermutungen ins Nichts warfen, ertönte urplötzlich ein krachender Knall an unserer Scheibe. Wie es das Schicksal so wollte, sollte an genau diesem Tag ein Stein auf unsere Windschutzscheibe fallen, der diese am unteren Ende mit einem unübersehbaren Riss versah. Nach einigen panischen Anfällen und kurzzeitiger Verzweiflung beschlossen wir jedoch, wie es uns die 4 Monate Australien mittlerweile gelehrt hatten, so weit wie möglich Ruhe zu bewahren. Auch wenn die Chancen für einen erfolgreichen Verkauf unseres Autos nun immer steiler gegen Null konvergierten, ging es weiter nach Cairns. Empfangen wurden wir dort von Mücken, Hitze und Regen, die uns jedoch allesamt nicht davon abhalten konnten, uns mit Barry Blackwood zu treffen. Während wir am ausgemachten Treffpunkt auf den ersten unserer Interessenten warteten und hofften, dass er den unverkennbaren Riss an unserer Scheibe übersehen würde, kam uns plötzlich ein an die 70 Jahre alter, Zigarre rauchender Mann mit verwaschenem Tshirt entgegen.

"Pia, is that you?", brachte der Alte hustend unter seinem Bart hervor.


Nach einem kurzen Smalltalk stand fest, dass der alte Mann tatsächlich Barry Blackwood sein musste, der, wie sich später herausstellte, seit 30 Jahren einsam und allein auf einem Boot im Hafen von Cairns lebte. Auf die Frage, warum Barry einen Campervan erwerben wolle, entgegnete dieser schlicht und einfach, dass er vorhabe, seine "alte Lady" ein wenig herum zu kutschieren. Doch nur für eine kurze Zeit, denn danach war sein großes Ziel, mit seinem Boot von Australien über das Schwarze und Rote Meer ins weit entfernte Mittelmeer zu segeln. Aber erst, fügte er hinzu, müsse er einmal einen kurzen Blick auf unser hübsches Auto werfen. In langsamen Schritten schlich Barry um unseren Van und stelle kurz darauf  fest, dass die Klimaanlage unseres Autos 
erstaunlicherweise gut funktionieren würde. Auch schien Conny von uns gut gepflegt zu sein, was ein alles überzeugender Grund dafür sein musste, den weißen Van zu erwerben. Selbst die 333 000 Kilometer und der gigantische Riss, den seine alten Augen glücklicherweise nicht mehr erspähen konnten, scheuten den alten Australier nicht, nach einigen Verhandlung auf den Verkauf Connys einzuschlagen. Noch immer ist es uns ein unlösbares Rätsel, was es war, dass Barry Blackwood neben den unzähligen und ohne Zweifel funktionsfähigeren Campervans im Netz dazu brachte, sich genau für unseren zu entscheiden. Was immer es war - es musste ein überzeugender Grund dafür sein, für den kommenden Tag auf den Verkauf unseres Autos einzuschlagen. Da Barry jedoch kurzer Hand bemerkte, dass er sein Geld vorerst auf der Bank zu beschaffen hatte und diese am Wochenende geschlossen war, musste der gesamte Deal auf den nächsten Morgen vertagt werden.

Da wir noch immer ein wenig skeptisch waren, ob der alte Seemann unser Auto tatsächlich erwerben und keine zufällige Spontanreise in den Pazifik antreten wollte, konnten wir den Deal noch immer nicht ganz glauben. Doch wie vereinbart holten wir den Zigarre rauchenden Barry Blackwood am Morgen des 11. Februars vor dem Hafen von Cairns ab, fuhren ihn zu seiner Bank und tätigten anschließend den nötigen Papierkram. Wie sich kurzer Hand herausstellte, besaß Barry nicht einmal einen Führerschein. Doch er beteuerte, dass man in Australien auch ohne den Besitz eines solchen ein Auto erwerben könne und dem Verkauf somit nichts mehr im Weg stünde. Nach verwunderten Blicken beschlossen wir, den alten Barry mit unserer alten Conny glücklich werden zu lassen und tauschten Conny gegen den ein oder anderen Taler, den Barry aus seinem weißen Briefumschlag zückte, ein.

Und nun sitzen wir hier. Nach 4 Monaten wieder auf einem weichen, echten Bett, das angrenzt an ein Bad mit einer echten, warmen Dusche und starren aus einem Fenster, hinter dem nicht mehr der australische Highway auf uns wartet. Ein Leben, das wir 4 Monate geführt haben, nimmt somit schlagartig ein Ende. Noch immer können wir nicht realisieren, dass all die Zeit auf den Straßen Australiens nun vorbei ist. Dass Conny nun auf dem Parkplatz eines Motels in Cairns steht und darauf wartet, mit einem alten Seemann und dessen Lady für ein weiteres Mal Australien zu erkunden. Noch immer können wir nicht glauben, dass unser kleines, geliebtes, kurzzeitiges Zuhause nun nicht mehr bei uns ist. Goodbye, Conny.

Doch nun erwarten uns neue Abenteuer. In Neuseeland. Vielleicht Fiji? Die Welt ist so groß und schön und wartet darauf, von uns entdeckt zu werden.




Wie auf dem Bild zu sehen ist, wurde der Riss auf Connys Scheibe clever durch einige Zeitungen überdeckt. Wäre letztendlich bei Barrys bereits in die Jahre gekommenen Augen jedoch gar nicht nötig gewesen!

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