Dienstag, 21. März 2017

Meer und Glück

New Plymouth. Graue Felsen. Schwarzer Sand. Das Rot der Sonne und das Blau des Meeres verschmelzen im Abendlicht. Wir werfen Steine in den Ozean, bis sie auf den Felsen zerplatzen, als wären sie unsere Sorgen, die wir im Blau des Meeres zerspringen lassen. 

Ich überlege wie wir das Glück, das wir fühlen, in Worte fassen können. Doch es geht nicht. Irgendwie ist es zu groß.








Wiedersehen

Irgendwann wird der Moment kommen, da werden wir in unserem warmen, gemütlichen Bett liegen, auf unserem alten, vertrauten Kissen, und wir werden zurück denken, an die Tage aus Gold. Die Tage, an denen der Wald unser Wohnzimmer war und das Meer unser Bad. Die Tage an denen wir uns treiben ließen wie das Holz im Meer, an denen wir weiter zogen wie die Wolken im Wind. Irgendwann wird der Moment kommen, an dem wir an all das zurück denken. Doch dieser Moment ist nicht heute. Heute ist der Traum noch nicht zuende.






Wilde Herzen

Heiße Seen, kalte Flüsse, Camping in der Wildnis. Abends blicken wir so lange durch unser Rückfenster auf das Strahlen der Milchstraße, bis wir müde von unseren vollen Tagen in den Schlaf sinken. Die aufgehende Sonne erweckt uns. Wir trinken Kaffee, um die morgendliche Kälte zu überbrücken, waschen unser Geschirr im klaren Wasser des Flusses. Wir hören Musik und beobachten die aufgehende Sonne. Können es uns nicht vorstellen, wieder in einem Haus zu wohnen, eingefangen in Wänden und nicht in der einsamen, ruhigen Natur. Hier ist unser Zuhause das, was uns umgibt. Unser Zuhause sind wir.

Kerosene Creek





Himmelstauchen

Wir steigen in ein kleines, pinkes Flugzeug, angekettet an einen völlig fremden Menschen, dem wir in wenigen Minuten unser gesamtes Leben anvertrauen würden. Das Flugzeug hebt ab. Die Aufregung steigt mit der zunehmenden Zahl der Höhenmeter, die die Uhr Dans anzeigt. 10000 Fuß. Der Lake Taupo liegt glitzernd in der Mittagssonne unter unseren Füßen. 11000 Fuß. Wir werden uns bewusst, was wir bald tun werden. 12000 Fuß. Die Tür öffnet sich. Die erste Springerin stürzt sich sekundenschnell in die unwirklich erscheinende Tiefe. 13000 Fuß. Wir wollen höher, wir wollen so hoch es geht. 14000 Fuß. Wir werden uns bewusst, dass wir verrückt sein müssen. 15000 Fuß. Wir springen. Adrenalin. Atemlosigkeit. Unbegreiflichkeit. Ein Gefühl, das alle gefühlten Gefühle übersteigt. ULTIMATIVE FREIHEIT.













Wo Hobbits wohnen

Wo Tolkien Welten erschafft, Bäche durch grüne Hügel fließen, Kürbisse wachsen und die Vögel in den hohen Eichen zwitschern, kann nur eines liegen: Das Auenland. Wir sind dort, wo das Gedankengut eines alten Genies verfilmt wurde, wo Frodo und Sam ihr Abenteuer beginnen, dort, wo die Welt noch in Ordnung ist. Alles ist perfekt. Die Wäsche trocknet im sanften Herbstwind, Enten quaken im See, die Apfelbäume tragen Früchte und die Hummeln summen um die bunten Blumen. Vielleicht ist Tolkiens "Herr der Ringe" mehr, als eine Triologie von Filmen, von genialen Büchern und märchenhaften Sagen. Vielleicht ist die Welt, die dieses Genie vor so vielen Jahren in den Tiefen seiner eigenen Gedanken erschaffen hat, ein wahres Wunderwerk. Und wo könnte ein Wunderwerk besser verfilmt werden, als in einem Wunderland selbst?

Verzaubert von Hobbiton fahren wir weiter nach Rotorua. Es brodelt und kocht. Geysire spucken heißes Wasser in die Höhe, Seen erstrahlen in einem grellen Grün. Überall der beißende Duft nach Schwefel. Die Schönheit dieses vulkanischen Gebiets ist aufgrund des bestialischen Geruchs schwer zu genießen. Kochendes Wasser steigt dampfend zum Himmel empor. Das Land muss verzaubert sein.















Montag, 20. März 2017

NEUNZEHNKOMMAVIER

"All that is gold does not glitter,
Not all those who wander are lost;
The old that is strong does not wither,
Deep roots are not reached by the frost."

Tolkien

5 Uhr. Die Welt schläft und der Frost hängt in den Scheiben unseres kleinen, neuen Zuhauses. Kaffee und Klimaanlage erwärmen uns in der Dunkelheit, während wir uns auf den Weg machen, zu den neunzehnkommavier Kilometern, die noch im Schein der Sterne vor uns schlummern. Und dann beginnen wir mit dem ersten Schritt. Dem ersten von tausenden. Von einem derer, von denen wir nach einigen Stunden hoffen würden, dass er der letzte wäre. Der letzte der neunzehnkommavier Kilometer.

Weiße Blumen blühen in den kalten Wiesen, während gigantische Berge in der Ferne aus dem Boden ragen. Berge, die wir während unserer eintägigen Alpenüberquerung überschreiten würden. Die unseren Atem rauben würden. Uns schreien lassen würden und weinen von ihrer Schönheit.

Wir beginnen mit dem ersten Schritt.

Die ersten drei Kilometer sind einfach. Wir laufen entlang des kleinen Pfades, überholen und werden überholt von den vielen Wandernden, die unter der aufgehenden Sonne davon schreiten und sich in der Ferne wie kleine schwarze Punkte auflösen.

6,4 Kilometer. Unsere Beine machen sich bemerkbar; erinnern uns an die Stufen und Steine die sie zu überqueren hatten. Ein gigantischer Berg türmt sich vor unseren Augen auf. Wir sind klein und machtlos im Schatten dieses schwarzen Kolosses, vor dessen Spitze Geröll in die nur zu erahnende Tiefe hinabdonnert. In die Tiefe, in der wir uns zu diesem Augenblick noch befinden. Wir sehen keine Wanderwege, die zur Spitze dieses scheinbar unbezwingbaren Berges führen könnten. Nur ein Schild mit 2291 Metern. Wir blicken unsicher auf diesen einsamen Berg, der alle anderen in seiner Höhe übertrumpft. Einen Berg, der nach Tolkiens "Herr der Ringe" den Berg des Schicksals markiert. Einen Berg, der alles entscheidet. Der uns unserem Schicksal ins Auge blicken lässt. Der uns an unsere physischen und psychischen Grenzen bringen soll. Einen Berg, den wir bezwingen.

Wir beginnen mit dem ersten Schritt.
Über Felsen und braune Asche führen uns unsere Schritte. "Pause!", schreie ich und kralle mich an den ersten Felsen. Noch immer befindet sich der wahre Fuß des Berges in weiter Ferne, doch es geht steil bergauf und die Beine schmerzen. Wir klettern weiter. Pause. Schleppend bewegen wir uns auf den Berg zu, auf den Vulkan, auf das Monstrum, auf das Unbezwingbare. Der feste Untergrund ist bald pure Asche. Wir klettern drei Schritte nach vorne und fallen zwei zurück. Ich denke an den Moment, an dem ich an der Spitze stehen würde, an den Moment an dem ich schreien würde und meine Schreie in der weiten Tiefe widerhallen würden. Doch wir sind am Anfang.

Wir krallen uns fest an Felsen, die lose sind, rutschen ab und versuchen es erneut. Minuten verstreichen und die Spitze ist ferner denn je. Ferner, als wir es zu diesem Moment imstande sind zu klettern. Über uns sind Menschen, die das selbe versuchen wie wir. Menschen, die pausieren. Menschen, die fluchen. "ROCK!", hören wir jemanden aus der weiten Ferne schreien. "LUKAS!", schreie ich und wir sehen beide den gigantischen Felsen in die Tiefe donnern. Meter entfernt von dem Punkt, an dem wir am Berg klammern. Wir atmen aus. Erleichterung. Und weiter. Während weiterhin Geröll in die Tiefe stützt, das Wort "ROCK!" in der Ferne widerhallt und all die Augen  die donnernden Vulkanbrocken verfolgen, pausieren wir, fluchen wir, schreien wir. Doch wir geben nicht auf, denn wir haben begonnen. Wir wollen ihn unbedingt. Den Gipfel. Den Ruhm. Den Blick.

Für eine lange Zeit setzt sich das Spektakel fort. Pausieren, "ROCK", Atemlosigkeit, Angst und Verzweiflung. Wenn wir denken, den Gipfel bald zu erreichen, erreichen wir ein weiteres Felsplateau, von dem wir den wahren Gipfel, den fernen Gipfel sehen.

Mit dem Überschreiten des Tongariro Alpine Crossing überschreiten wir nicht nur Berge. Wir überschreiten unsere Grenzen. Die Angst vor dem Wort "ROCK", vor dem Fallen, vor dem Nichterreichen des Gipfels.
Doch wir erreichen ihn. Ich sehe Lukas neben mir in die Tiefe sacken, ohne auch nur einen Blick vom Gipfel gewagt zu haben. Und dann drehe ich mich um.

Tränen erfüllen meine Augen mit dem Blick in die unwirklich erscheinende Tiefe und die unbegreifliche Ferne. Berge. Schnee.
Ich fühle mich klein und unbedeutend in diesem gigantischen Gebirge und doch so groß und erfüllt, da ich von oben und nicht von unten, auf es hinab blicke. Wir haben den Schicksalsberg bezwungen. Haben uns bezwungen.

Der Weg zurück in die Tiefe geht schnell. Wir springen und rutschen durch die schwarze Asche. Immer wieder hören wir "ROCK!", erschaudern, fallen, drehen uns um und pausieren. Doch wir erreichen den Boden. Unsere Beine zittern und unsere Kräfte sind aufgebraucht. Und dann sehen wir das nächste Schild: Noch 13 Kilometer.

Wir schleppen uns Berge hoch und hinab, vorbei an heißen, leuchtenden Seen, vorbei an einem alten Mann in Gandalf-Kostüm und vorbei am Schicksalsberg. Unwirklich türmt er sich erneut vor unseren Augen auf und es erscheint irreal, dass wir vor wenigen Minuten auf dem Gipfel dieses so unbezwingbar erscheinenden Kolosses standen. Das Bewusstsein darüber, was hinter uns liegt, gibt uns Kraft für die nächsten 13 Kilometer. Auf und ab. Immer weiter. Wenn wir denken, endlich weiter voran gekommen zu sein, sehen wir das Schild: 12 Kilometer.

Unter den Schmerzen unserer Beine treiben wir uns voran, drehen uns nur manchmal um, um einen letzten Blick auf den Vulkan zu werfen.
Wieder und wieder schwitzen wir, pausieren wir, fluchen wir, hoffen wir auf ein Ende und genießen die unbegreifliche, alles überwältigende Schönheit des Tongariro Alpine Crossing.

Und irgendwann, in weiter Ferne, kommt das, an was ich immer und immer wieder während dieses langen Weges gedacht habe: Der letzte Schritt.








Auf ins Grün

Grün, so weit das Auge reicht. Die Farbe der Hoffnung, die Farbe des Lebens. Wie ein gestauchter Sinus fließen die sanften Hügeln der Halbinsel gen Norden, während die Möwen in der Ferne nach uns rufen. All das ist mehr, als es Bücher beschreiben können. Mehr als Formeln, mehr als Bilder in Reiseführern und mehr als gut gemeinte Tipps von Reisenden. Neuseeland nimmt uns ab der ersten Minute gefangen und lässt uns nicht mehr los. Wir waren nicht vorbereitet auf die Schönheit dieses unberührten Landes, die sich ab der ersten Minute unseres Roadtrips vor unseren Fenstern ausbreitet. Überall Grün. Überall Leben und der Duft nach Frühling. Wir fahren und fahren und singen die immer gleichen Lieder unserer CDs in die einsame Landschaft.

Das Glück pulsiert in unseren Adern.




Cathedral Cove




Stingray Bay

Hot Water Beach